Häuser
canva.com
Oktober, 2026

Mareike Fallwickl: Haltet euch fest

Seit ihrem gleichsam fulminantem wie schockierendem Romanerfolg "Die Wut, die bleibt" hat sich die Salzburger Autorin Mareike Fallwickl eine - großteils weibliche - Fangemeinde und entsprechende Breitenwirkung erarbeitet und das ganz zu Recht. In nahezu all ihren bisher erschienenen Büchern scheut sie nicht davor zurück, dorthin zu blicken, wo es besonders weh tut im Patriarchat: In "Die Wut, die bleibt" erträgt eine Ehefrau und Mutter aus purer Erschöpfung ihr Leben nicht mehr und in "Alle so still" treten die Frauen in Care-Berufen in den Streik. Mit ihrem neuen Roman "Haltet euch fest" stellt uns Fallwickl nun ein Alternativmodell des gesellschaftlichen Zusammenlebens vor. Ein Mehrgenerationenhaus ist quasi die Homebase einer Regenbogenfamilie: alte, junge, schwule, lesbische, queere, non-binäre, heterosexuelle Menschen entschließen sich dazu, füreinander zu sorgen und miteinander die Care-Arbeit zu schultern. Darüber hinaus stehen die Türen offen für die, die kein Zuhause haben oder Zuspruch und emotionale Wärme brauchen. Doch auch diese Utopie (und noch ist es eine) hat Bruchlinien und garantiert kein glückliches Leben. Da sind einerseits die Widerstände einer Gesellschaft, die die heteronormative, romantische Liebe als einzig erstrebenswertes Modell betrachtet, und andererseits tief sitzende Traumata, die auch diese große Familie nicht ungeschehen machen kann. Als ein Sturmschaden am Dach Reparaturarbeiten notwendig macht, stellt sich heraus, dass das Haus an allen Ecken und Enden baufällig ist und von Grund auf renoviert werden muss. Doch wer soll das bezahlen? Und lohnt es sich überhaupt? Ist die Regenbogenfamilie nicht ohnehin schon am Auseinanderbrechen?

Die Handlung, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt, entwickelt einen Sog, der das Buch zum unwiderstehlichen Pageturner macht. Man liest es gern und schnell, wenn man auch dann und wann über das geschlechtsneutrale Personalpronomen "dey" stolpert, das eine non-binäre Romanfigur bezeichnet. Zwar fällt es schwer, sich daran zu gewöhnen, aber Leser:innen mit Verstand und offenem Herzen respektieren diese Wortwahl. Anstrengend wird es jedoch an manchen Stellen, wenn in den Dialogen bzw. in der Erzähler:innenrede Handlungselemente kommentiert und Phänomene der patriarchalen Gesellschaft erklärt werden. Da schwebt dann doch der erhobene Zeigefinger über den Zeilen und man fühlt sich als Leser:in nicht ganz ernst genommen und unterschätzt. Das ist deswegen so schade, weil es es diese Passagen gar nicht braucht: Die Handlung und Figuren stehen für sich. Die intelligente Leser:in weiß, was gemeint ist. Wer schon einmal eine Lesung von Mareike Fallwickl besucht hat, kennt das. Die Autorin stellt den vorgelesenen Passagen ihrer fiktiven Romanwelt gern in mündlichen Kommentaren die Realität in Form von Zahlen und Fakten gegenüber - und das ist überaus faszinierend / schockierend, überzeugend, lohnend, aber im Roman dann doch verzichtbar.

Nichtsdestotrotz: ein Muss für alle Fallwickl-Fans und Abenteuer für die, die sie noch nicht kennen. 

Buchcover Haltet euch fest